La Dernière Fugue – Was geschieht in einer Familie, wenn sich das Oberhaupt einen schönen Tod wünscht?

Anatole (Jacques Godin) ist ganz offensichtlich das genaue Gegenteil von einem liebenswürdigen Großvater, der im Kreise seiner Lieben seinen Lebensabend geniesst und mit witzigen Anekdoten die Familie in Verzückung versetzt.

Anatole leidet an Parkinson und hat im Verlaufe seiner Erkrankung alles verloren, was ihm einst zum Erhalt seiner Lebensqualität diente: genussvolles Essen, guter Wein und Musik.

Heute ist er kaum in der Lage, sich zu artikulieren und die kleinsten Aufgaben allein zu bewältigen. Gefangen in seinem eigenen Körper, vermag er kaum noch an sich zu halten und herrscht sowohl seine Frau als auch seine Kinder immer wieder, scheinbar grundlos, an.

Beim gemeinsamen Weihnachtsessen wird ausschließlich in der dritten Person von ihm gesprochen und es wird ihm auch noch das kleinste Vergnügen verwehrt: ein Glas Bordeaux.

Anatole begehrt auf und erhitzt somit erst Recht die Gemüter seiner ohnehin schon aufgebrachten Kinder, die mitunter der Meinung sind, dass die Krankheit zwar neu sei, sich der Charakter ihres Vaters jedoch nicht verändert habe und dieser schon immer selbstsüchtig und egoman gewesen sei.

Die Mutter (Andrée Lachapelle) wird als hilfloses Opfer dargestellt und die Kinder als ihre Retter, die nur das Beste wollen. Sowohl für den Vater (gesunde Ernährung, kein Fett, kein Wein, keine Aufregung) als auch für die Mutter (den Vater in ein Heim geben).

Nur der Enkelsohn, Sam (Aliocha Schneider), scheint sich die Mühe zu machen, zu ergründen, was Anatole wirklich braucht und WILL. Er schlägt seinem Onkel André (Yves Jacques) lapidar vor, dem Großvater beim Sterben zu helfen und ihm bis dahin die Freuden des Lebens zurück zu geben.

Was aus einer alkoholschwangeren Albernheit hervor ging, trägt bald Früchte und so stellt sich André seinem Hass auf den sterbenden Vater und nähert sich ihm und seiner Mutter an. Es scheint, als würde die Familie zum ersten Mal wirklich miteinander reden und der kranke Anatole beweist, dass die Krankheit zwar über seinen Körper siegen mag, sein Geist jedoch klar genug ist, um sich einen schönen Tod zu wünschen.

La Dernière Fugue ist ein äußerst vielschichtiger Film, der zahlreiche Themen anspricht, die uns alle bekannt vorkommen und die mitunter in jeder Familie irgendwann aktuell sein können.

Besonders die Rolle des jungen, einfühlsamen Sam ist wunderbar besetzt und hervorragend gespielt. Dieser Junge zeigt den sturen Erwachsenen in seinem Umfeld, dass man auch einmal die Perspektive wechseln muss, um die Komplexität einer Situation erfassen zu können und dass das, was wir für das Richtige und Beste halten, nicht zwangsläufig das Beste für den betreffenden Menschen ist.

Léa Pool hat mit La Dernière Fugue ein wirklich berührendes Familienportrait gezeichnet, das uns veranlasst, uns den Fragen zu stellen, die wir nur allzu gern in den Hintergrund unseres Bewusstseins verdrängen und die wir am liebsten unangetastet lassen.

Die Darsteller machen diesen aussergewöhnlichen Film zu dem, was er ist und sowohl der junge Aliocha Schneider als auch Andrée Lachapelle warten mit einer enormen Präsenz auf. Sie, die nicht unbedingt stets im Mittelpunkt der Geschichte stehen, schaffen es, mit ihrem verhaltenen und eindrücklichen Spiel eine Kraft in ihre Rolle zu legen, die kein Wort der Welt zu erzeugen vermag.

La Dernière Fugue fordert uns auf, über das Ende eines geliebten Menschen nachzudenken und uns unserer eigenen Endlichkeit zu stellen. Zudem wird dem Zuschauer bewusst, dass ein jeder eine eigene Vorstellung von einem „schönen Tod“ hat und wir sehen uns mit der Frage konfrontiert, ob wir tatsächlich entscheiden dürfen, wann und wie wir diese Welt verlassen oder nicht…

Regie: Léa Pool
Mit: Yves Jacques, Jacques Godin, Andrée Lachapelle
Land/Jahr: Kanada/2010
Dauer: 91 min
Start: 24.02.2011

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Ein Gedanke zu „La Dernière Fugue – Was geschieht in einer Familie, wenn sich das Oberhaupt einen schönen Tod wünscht?

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