Der Katalog des Lebens – Wie wir uns selbst daran hindern, glücklich zu sein!

Die Faszination Internet ist ein Widerspruch in sich.

Auf der einen Seite sind wir froh und dankbar, immer und überall auf alle Informationen, die wir zum täglichen Leben brauchen (oder eben auch nicht), zugreifen zu können und praktisch immer up to date zu sein.

Wir wissen, wann wir wo in die Straßenbahn springen können, wo heute gestreikt wird, welcher Supermarkt welche Schnäppchen feil bietet, welcher Film wann in welchem Kino gezeigt wird…wir buchen die Tickets online, rufen die Speisekarte des Restaurants unserer Wahl online auf und suchen uns schon via Laptop oder iPhone aus, was wir später zu essen gedenken.

Es gibt fast nichts, was wir mit Hilfe des Internets nicht zustande bringen würden. Egal ob im Zug oder im Café um die Ecke – die Menschen verschanzen sich hinter den Bildschirmen ihrer großen und kleinen Kommunikationsgeräte und tauchen ein in die Welt des unendlich weiten Raumes – und verlieren sich dabei selbst.

Nein, ich bin keine Gegnerin des technischen Fortschritts und ja, auch ich habe ein iPhone. Aber gerade deshalb kann und will ich mich über dieses Thema auslassen. Ich weiß nämlich aus eigener Erfahrung um die Vorteile, aber auch um die Tücken, der Möglichkeit, ständig online zu sein.

So sehr man auch mit der Welt und den networks verbunden sein mag – man verliert doch den Bezug zur Realität. Die Gespräche mit vermeintlichen Freunden bei Facebook & Co. ersetzen das gemütliche Kaffeetrinken mit den wirklichen Freunden und bevor wir uns am Abend aus dem Haus bemühen, schauen wir die neuesten Kinofilme auf dem PC und das auch noch kostenlos. Anstatt den Kellner nach seiner persönlichen Empfehlung zu befragen oder uns von Düften, die aus der Restauantküche zu uns herüberwehen, inspirieren zu lassen, rattern wir einfach die Bestellung herunter, die wir bereits im Vorfeld mit Hilfe der Webspeisekarte zusammengestellt haben.

Wer will, kann sich sogar seinen Partner im Internet suchen und ein Großteil der Bevölkerung tut das längst. Es ist ja auch angesichts der vielen Arbeit und Verpflichtungen fast nicht mehr möglich, sich im normalen Leben kennen zu lernen. (Wer’s glaubt).

Aber genau hier liegt doch der Hase im Pfeffer. Wir surfen durchs Internet auf der Suche nach der großen Liebe und vereinsamen zuhause in unserem stillen Kämmerlein mit dem Flackern unseres Bildschirms im Gesicht.

Kann das gesund sein? Ist das wünschenswert? Und wie funktioniert das überhaupt mit der Liebe im Netz?

Ich habe da ja so meine ganz eigenen Überlegungen und nachdem ich gerade frisch getrennt bin von meinem Purplemoon Profil und mich noch nie so frei gefühlt habe, werde ich eben jene Überlegungen hier zum Besten geben…

Wir sind Single und unzufrieden. Wir haben das Alleinsein satt und sehnen uns nach einem Menschen an unserer Seite. Einen Menschen, den wir lieben und mit dem wir unser Leben teilen können. Am liebsten einen Menschen, der uns bis zum Ende unseres Daseins zur Seite steht und mit dem alles, was das Leben so zu bieten hat, noch viel schöner und intensiver wird.

Wir suchen jemanden, der uns spiegelt und uns das Beste aus uns machen lässt.

Das, was wir uns vorstellen und haben wollen, ist uns nämlich vollkommen klar und die netten Formulare der Partnerbörsen machen es uns noch einfacher, dies auch in Worte zu fassen und genau den Menschen zu finden, der, auch vom psychologischen Persönlichkeitsprofil, ganz wunderbar zu uns passt.

Das Leben wird zu einem Katalog voller Menschen mit gewissen Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen, die einzig dafür kategorisiert wurden, dass wir am Ende auch gefunden werden können – von der Liebe. Oder vielmehr von den Auftraggebern jener Pärchenmacher, die sich mit ihren Studien und Erfolgen rühmen.

Um jedoch zu bekommen, was wir wollen, müssen wir selbst zum Objekt werden. Wir müssen uns optisch wie inhaltlich zur Schau stellen und dabei geht es nicht darum, was, wie oder wer wir sind, sondern vielmehr darum, was der Markt, also unser virtuelles Gegenüber, verlangt.

Die Photos werden getunt, der Lebenslauf gepimpt und übrig bleibt ein Hochglanzabziehbild eines Menschen ohne Seele. Aber nur so funktioniert der ganze Zauber. Es geht nämlich nicht darum, wer wir wirklich sind oder was uns bewegt, beschäftigt und umtreibt.

Es geht darum, unserem Gegenüber zu vermitteln, dass wir genau das sind, was er oder sie sucht.

Und wir? Ja, wir sind ganz genau so. Optisch sind wir nicht so festgelegt, aber sportlich, schlank und schön wäre schon nicht schlecht. Die Körpergröße ist zwar nicht das Wichtigste, aber wenn wir es uns schon aussuchen können…Doch damit nicht genug. Denn dass man gern einen Partner hätte, der uns auch optisch anspricht, ist ja weder abwegig noch verwerflich.

Das Internet jedoch bietet den kompletten Service. Hier können wir nicht nur selektieren, wie unser künftiger Lebenspartner auszusehen hat, wir können sogar noch den Inhalt bestimmen. Zumindest denken wir das.

Also los: Was ist uns wichtig? Worauf legen wir Wert?

Intelligenz macht Sinn und natürlich Humor. Wenn wir die freie Wahl haben, so entscheiden wir uns doch eher für einen Menschen mit einem prestigeträchtigen Beruf als für jemanden, der im Dienstleistungssektor tätig ist. Gemeinsame Hobbies und Interessen sind eben so wichtig wie die Bücher, die man liest, die Filme, die man sieht und die Musik, die man hört. Welche Länder man bereist, was man mit seiner Freizeit anfängt, wie man zu seiner Familie steht, wie viele PartnerInnen man schon hatte, welche Klamotten man bevorzugt, ob man Vegetarier ist oder nicht, wen man wählt und ob überhaupt. Kinderwunsch – ja oder nein. Welche Kosmetiklinie benutzt man, kocht man selbst oder geht man essen, wenn ja, wohin. Wie viel Geld verdient man und was macht man damit. Hat man ein Haus oder eine Wohnung. Haustiere. Lieblingsfarbe. Einrichtungsstil. Duscht man lieber oder geht man in die Wanne. Atomkraft oder Solarenergie. Stadtleben oder Dorfidylle? Daily Soaps oder Tatort.

Den Inhalten sind keine Grenzen gesetzt und hat man sich erst einmal auf die Suche begeben, wird alles differenzierter und detailreicher. Auf einmal scheint alles möglich und das können wir uns doch nicht entgehen lassen. Also engagieren wir uns zusehends und bevor wir uns zu einem persönlichen Treffen aufraffen, versuchen wir alles, was uns wichtig und nichtig erscheint, abzuwägen und herauszufinden. Es wird alles erfragt, was uns in den Sinn kommt. Nachdem wir die erste Scham verloren und bereits über sexuelle Vorlieben gesprochen haben, beginnen wir mit unserem Gegenüber ein Leben zu planen, wie wir es uns vorstellen.

Wir scheinen am Ziel unserer Träume angekommen zu sein. Leider verpassen wir oft den Punkt, an dem ein persönliches Treffen unabdingbar wird und kreieren ein Bild von diesem Menschen, dem er selbst niemals gerecht werden könnte und auch die Farben, die wir für unser Portrait benutzen, sind viel strahlender und vielleicht auch gänzlich anderer Natur, als wir es sind.

Manche dieser Begegnungen verlaufen trotzdem positiv. Man legt einfach das Bild, das man sich gemacht hat, über den Menschen und lässt die beiden miteinander verschmelzen. Heraus kommt unser Traummann/ unsere Traumfrau und wir beginnen das, was wir anfangs nur verbal am Telefon und im Chat erträumt haben, umzusetzen. Alles läuft wunderbar – bis sich die Realität bahn bricht. Die ersten Schwierigkeiten tauchen auf, die Vergangenheit blitzt durch und auf einmal ist nichts mehr so, wie wir es uns vorgestellt und doch auch gesehen haben.

Der Mensch löst sich von seiner Internetidentität und wird real. Er wird – menschlich! Aber genau damit können wir nicht mehr umgehen. Wir haben es schlichtweg verlernt.

Und was machen wir mit dieser Erkenntnis? Nein, wir lernen nicht etwa daraus und stellen uns auf den Menschen an unserer Seite ein, lernen ihn lieben und schätzen als das, was er ist und nein, wir verlassen ihn auch nicht gleich. Zunächst einmal versuchen wir, ihn zurückzupressen in das virtuelle Bild, das wir von ihm haben und zeigen dabei nur geringfügig Geduld. Wenn es uns dann zu bunt wird oder vielleicht auch schon kurz davor, loggen wir uns wieder ein in den Katalog des Lebens, googlen nach Rückgabefristen und Umtauschregeln, um gleichzeitig nach neuen Produkten, Verzeihung – natürlich  Menschen, Ausschau zu halten und kümmern uns darum, nun aber wirklich den Richtigen zu finden, damit wir, wenn wir uns vom Gegenwärtigen verabschieden, nicht alleine da stehen.

In Zeiten der technischen Innovationen ist es ein Leichtes geworden, seinen Traumpartner zu finden. Aber genau das wird er bleiben – ein Traum. Denn das Leben sieht anders aus. Vielleicht ist es nicht immer einfacher. Vielleicht scheint es manchmal nicht so glitzernd, aber das Leben ist nicht schlechter. Es ist bunt, facettenreich, voller Tiefen und Dimensionen und es bietet uns die Möglichkeit, an und mit den Menschen und ihren Geschichten und Problemen zu wachsen. Wir können uns entwickeln und uns entfalten. Wir haben ein menschliches Gegenüber, das mit uns durchs Leben geht und kein Cyberprofil, das den Gegebenheiten so oft angepasst wird bis wir uns und unser Gegenüber nicht mehr wiedererkennen.

Ja, die Bauchpinselei im Internet tat zuweilen ganz gut. Es gab interessante Begegnungen und vor allem auch Menschen, die zu Freunden wurden. Mit der Liebe jedoch hat es nie so wirklich geklappt und ich möchte nur noch eines – back to the roots!

Photo by Gerhard Seybert

Ich möchte durch mein Leben streifen und darauf vertrauen, dass Menschen sich auch heute noch normal und jenseits der Technik begegnen können.

Die Löschung des Onlineprofiles war ein Schritt. Die bewusste Nutzung öffentlicher Räume ein anderer. Ich bin zuversichtlich und froh, anstatt des flimmernden Lichtes meines Bildschirmes, die Sonne auf meinem Gesicht zu spüren…

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s