„Mother and child“ – wenn die ungestillte Sehnsucht die Seelen formt und deformiert

Los Angeles. Drei Frauen. Drei Schicksale. Physiotherapeutin Karen (Annette Bening) lebt mit ihrer Mutter und leidet bis heute unter dem Verlust ihres Kindes, das sie als 14-Jährige nach einer ungewollten Schwangerschaft zur Adoption hatte freigeben müssen. Elizabeth (Naomi Watts) ist eine erfolgreiche, alleinstehende Anwältin, die zielstrebig durchs Leben geht und die mangelnde Liebe in ihrem Leben mit viel Arbeit und gefühlskaltem Sex wettmacht. Lucy (Kerry Washington) wünscht sich nichts sehnlicher als ein Baby, doch sie und ihr Mann können keine Kinder bekommen. Sie entscheiden sich für eine Adoption. Drei Frauen und drei Schicksale, die mehr miteinander verbindet, als zunächst angenommen.Liest man den Kurzinhalt von Mother & Child, ist man versucht, davon auszugehen, man wisse schon vor dem Kinobesuch, was einen erwartet – eine Frau in den Fünfzigern sehnt sich noch immer nach ihrer Tochter, die sie mit 14 zur Adoption freigegeben hat. Eine erfolgreiche Anwältin interessiert sich weder für ihre biologischen Eltern noch will sie selbst Familie haben, da sie von ihrer damals 14jährigen Mutter weg gegeben wurde. Die Handlung scheint klar, aber Rodrigo García überrascht mit diesem Film das Publikum und nicht zuletzt sich selbst…

Es macht wenig Sinn, mehr von dem Film und seiner Geschichte preis zu geben, als es der Kurzinhalt und der Trailer tun.

Mother & Child wird getragen von drei starken Frauen, die, jede für sich, in ihrer Rolle aufgehen und die Geschichte so eindringlich zeichnen. Die Sehnsüchte der Mutter, die sich nach ihrer Tochter verzehrt, ist schmerzlich spürbar. Das Leid steht Annette Bening nicht nur ins Gesicht geschrieben. Es findet Ausdruck in all ihrem Tun und Handeln. Sogar ihre Bewegungen scheinen Schmerz auszudrücken.

Naomi Watts hingegen wirkt auf den ersten Blick eher kühl kalkulierend als verletzt. Doch hinter ihrer rauen Schale blitzt schon sehr bald der innige Wunsch nach Nähe, Liebe und Geborgenheit hervor. Ihre sexuellen Abenteuer dienen der bloßen Ablenkung und Betäubung. Ihre Mutter ist ein beständiger Teil ihres Selbst. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sie sich nicht ein Bild von ihr malt. Obwohl sie sich mit 17 illegal sterilisieren lassen hat, wird die erfolgreiche Anwältin schwanger und mit dem Kind in ihrem Bauch, wächst das Bedürfnis, ihre leibliche Mutter aufzuspüren.

Kerry Washington hat die Rolle der jungen Ehefrau inne, die sie mit einer jugendlichen Zerbrechlichkeit und ungeheuren Stärke spielt. Vom unbändigen Wunsch angetrieben, die Familie zu komplettieren, überwindet sie ihren eigenen Schatten und den ihrer Mutter gleich mit. Der Kampf um die Gunst der jungen Mutter, die ihr Ungeborenes zur Adoption freigeben will, verlangt ihr alles ab und am Ende sieht sie sich vor einer Reihe schier unlösbarer Probleme. Kerry Washington scheint ihre Rolle nicht nur zu spielen sondern sie zu leben. Der Zuschauer spürt ihre Nervosität, freut sich mit ihr, als ginge es um sein eigenes Glück. Die Emotionen, die ihrer Figur die notwendige Ausdruckskraft verleihen, übertragen sich auf all jene, die im Kinosessel sitzen.

Mother & Child ist ein beeindruckendes Portrait von drei Frauen, die beinah von Beginn der Geschichte an, miteinander verbunden sind und sich durch ihre Verbindung entwickeln. Auch wenn einiges vorhersehbar ist, bleibt die Produktion von Alejandro González Iñárritu kraftvoll und fesselnd, was vor allem dem hervorragenden Spiel der weiblichen Hauptdarstellerinnen geschuldet ist. Diese sind in ihrer Präsenz so stark, dass Samuel L. Jackson wie ein Zaungast wirkt.

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