Die Erotik der ersten Begegnung – eine Kurzgeschichte.

(veröffentlicht in „Mein lesbisches Auge 10“, S. 250ff)

Den zwanghaften Versuch, eine konservative Beziehung mit einer Frau zu führen, in der ich einen Menschen sah, der sie gar nicht sein konnte/ wollte, hatte ich Ende des vergangenen Jahres aufgeben und mich Hals über Kopf in eine Illusion im Internet verrannt, die ich für die Liebe meines Lebens hielt. Natürlich kam alles ganz anders und ich wurde enttäuscht und verletzt. Der Schock saß tief und die Verzweiflung grub sich in mein Sein. Ich verfluchte das Internet und begab mich auf die Reise in mein Selbst, das ich offensichtlich so gar nicht kannte. In mich hinein horchend, erkannte ich Seiten von mir, die mir bisher verborgen geblieben waren, und schrieb mir alles von der Seele, was auf ihr lastete. Allmählich befreite ich mich und fand zu mir und zu der Erkenntnis, dass es nicht immer ein Pendant braucht, um glücklich zu sein. Ich finde kaum Worte, um diesen Zustand zu beschreiben. Glück? Zufriedenheit? Das alles vermag es nicht zu beschreiben. Er war mir neu, vollkommen unbekannt, aber ich fühlte mich wohl darin. Da war kein Sehnen, kein Verlangen nach Liebe oder Partnerschaft. Ich wollte nichts hinzufügen und nichts wegnehmen. Es war einfach gut so, wie es war. Alles. Ja, ich war glücklich.

„Zieh Dich aus und leg Dich hin. Ich muss mit Dir reden“ – diese Headline sprang mir entgegen, als ich Anfang April diesen Jahres doch mal wieder ziellos durch die unendlichen Weiten des Internets stromerte und selbst nicht so genau wusste, nach was ich eigentlich suchte.

An und für sich hatte ich dem Internet abgeschworen und nun lockte diese Headline und verführte mich dazu, einen weiteren Blick zu riskieren. Die Worte, die ich las, waren spärlich gesät und trieften vor Sarkasmus. Ich war angetan. Stöberte weiter in dem Profil. Am Ende landete ich in der Bildergalerie und war – enttäuscht. Blickte mich doch eine ganz und gar feminine Frau an und das war ja nun alles andere als das, worauf ich stehe. Ein letzter Blick auf den Steckbrief verriet auch noch, dass die gute Frau kleiner war als ich und so drehte ich ihr und ihrem Profil virtuell den Rücken zu. Oberflächlichkeit? Wahrscheinlich. Aber warum sollte ich mich mit jemandem beschäftigen, von dem ich bereits wusste, dass er nicht dem entsprach, was ich mir von meinem Gegenüber wünschte? Hatte ich nicht schon einmal eineinhalb Jahre an der Seite der vermeintlich Richtigen verbracht, in dem Wissen, dass sie niemals das sein würde, was ich in ihr sehen wollte? Diesen Fehler wollte ich kein zweites Mal begehen und so lies ich „Dada“ zurück im world wide web und vergaß sie.

Ich fuhr in den Urlaub, feierte meinen 30. Geburtstag und genoss mein Leben. Mir fehlte noch immer nichts. Warum auch? Zurück in der Heimat, meldete mein Profil einen neuen Besucher und kurz danach bekam ich eine Nachricht von „Dada“: Du bist sehr schön.Ziemlich plumpe Anmache. Ja. Aber auch reizvoll. Na ja und ein bisschen Bauchpinselei tat ganz gut. Also antwortete ich und plötzlich befanden wir uns mitten im schönsten Geplänkel, als sie sich auf einmal ausloggte und nichts mehr von sich hören ließ. So was mag ich ja.

Am nächsten Tag sprang sie schon wieder auf meinem Profil herum und wir machten dort weiter, wo wir am Vorabend aufgehört hatten. Aber all das, ohne je persönlich zu werden. Wir schrieben einander und sagten uns nichts. Wie aus dem Nichts fragte sie nach einem Kaffee und schlug den unromantischsten Ort vor, den ich mir nur vorstellen konnte: ein großes Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt! Diesen Zahn zog ich ihr sogleich und schlug mein Lieblingscafé in der Innenstadt vor. Bis heute ist mir schleierhaft, warum ich überhaupt zugesagt hatte. Die Frau war nur sarkastisch und ich wusste nichts über sie. Außer dass sie so gar nicht mein Typ war. Dennoch begann ich den nächsten Tag in aufregender Vorfreude und ahnte zugleich, dass das Treffen ins Wasser fallen würde. Kaum kehrte ich an diesem Samstag Morgen vom Markt zurück, erhielt ich eine SMS, dass sich ihre Pläne geändert hätten und sie am Nachmittag nun doch nicht in Bern sein würde. Ihre Frage nach einem späteren Treffen wischte ich vom Tisch und schrieb nur lapidar: Vielleicht in der kommenden Woche. Doch diese Frau ließ sich nicht abwimmeln und hakte so lange nach, bis ich einwilligte, sie am späten Abend irgendwo zwischen Bern und Basel zu treffen.

Große Lust hatte ich nicht, aber eben auch nichts zu verlieren. Also sprang ich um halb neun in Zug und fuhr nach Olten. Der Bahnhof war alles andere als einladend und kurz vor meiner Ankunft überkamen mich dann doch gewisse Zweifel, ob ich wirklich das Richtige tat. Nun war es ohnehin zu spät und ich bemühte mich, so cool wie möglich, auf sie zuzugehen. Auch wenn sie sehr weiblich aussah und sogar High Heels -mein persönlicher Albtraum an einer Frau- trug, faszinierte sie mich. Ich stand fortan nur noch neben mir. Diese Frau war tough und stand mir in ihrer schonungslosen Offenheit und ihrem Selbstbewusstsein in nichts nach. Wir lieferten uns einen wahren Schlagabtausch.

Nun hatte Olten nicht wahnsinnig viel zu bieten und so landeten wir in einem kleinen Kellerclub, der in sich so unstimmig und beinah abstoßend war, dass er schon wieder Charme hatte. Da saßen wir also bei Ginger Ale und Kaffee und plauderten vor uns hin. Wirklich erinnern kann ich mich nicht. Ich starrte sie unverhohlen an, bemerkte die lüsternen Blicke der anwesenden Männer und beobachtete jede ihrer Regungen. Ich flirtete auf Teufel komm raus mit dieser geheimnisvollen Unbekannten, von der ich noch immer nichts wusste und die noch immer so gar nicht mein Typ war.

Ich fixierte sie ununterbrochen und sobald sie sprach, ließ ich ihre Lippen nicht mehr aus den Augen. Ich hing an ihnen und spürte, dass ich Oberwasser hatte. Mein Mut überrumpelte mich und so stand in meinen Augen wohl der pure Sex, die blanke Erotik, ohne dass ich mir dessen bewusst gewesen wäre. Ich streifte ihren gesamten Körper mit meinen Blicken, ließ meine Augen über jeden einzelnen Quadratzentimeter gleiten. Ich maß sie förmlich ab und konnte mich dennoch nicht satt sehen.

Als ich mich endlich dazu durchringen konnte, sie zu verlassen, um auf die Toilette zu gehen, musste ich mich sehr anstrengen, auf dem Weg dorthin nicht zu taumeln. Mein Körper schmerzte vor Anspannung und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Was zum Teufel tat ich hier? Wann fuhr mein Zug und wo sollte all das noch enden? Im Waschraum angekommen, durchzuckten Bilder meinen Kopf und plötzlich sah ich sie vor mir, wie sie mich gegen die Wand presste und mich leidenschaftlich küsste. Himmel. Was war denn nur los mit mir? Ich war natürlich allein und sie wartete geduldig am Tisch auf mich.

Nahtlos ging unser Taxieren weiter und irgendwann musste ich nur noch raus aus dem kleinen Clubgewölbe und tief Luft holen. Wir spazierten im Nieselregen durch die trostlose Stadt und sprachen weiter über Gott und die Welt. Ich erinnere mich fast an nichts mehr, außer daran, dass Erich Fried ihr Lieblingsdichter ist. Sie brachte mich zum Bahnhof. Im gleißenden Licht der Scheinwerfer, die Partyleichen der Nacht um uns herum, schlichen wir umeinander herum und ich zählte die Sekunden bis mein Zug endlich um die Ecke bog. Welche Floskel wir uns zum Abschied hinwarfen, weiß ich heute auch nicht mehr. Aber kaum im Zug, sank ich in meinem Sitz und war vor Erschöpfung fast augenblicklich eingeschlafen. Was bitte war das? Wer ist diese Frau und warum hatte sie mich durch ihre bloße Anwesenheit so durchdrungen? Wie konnte sie mich gleichzeitig verunsichern und mutig werden lassen? Warum war ich so aufgeregt? Was hatte dieses diffuse Gefühl in mir zu bedeuten?

Ich glaube, mich sehr gut zu kennen und einschätzen zu können. Ich habe mich nicht auf den ersten Blick verliebt und auch sonst war ich eher der Meinung, dass diese Frau weder meine Liga noch mein Geschmack sei. Dennoch. Irgendetwas war da. Durchtränkte mein Bewusstsein und nistete sich in mir ein. Wie ein Samen aus einer unbeschrifteten Tüte. Es wächst und gedeiht und doch weiß man nicht, was daraus entsteht.

Gefühle in Worte zu fassen, sie in Worthülsen zu stopfen und darauf zu hoffen, dass ein anderer sie versteht, scheint ein sinnloses Unterfangen zu sein und dennoch versuchen wir es immer wieder. Ich kapituliere an dieser Stelle und spüre einfach nur dem nach, was diese Frau in mir auszulösen vermochte. Einen Namen habe ich nach all der Zeit nicht finden können. Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass mein Herz noch immer rast, wenn ihre Stimme oder ihre Schritte höre. Dass mein Atem nur stoßweise geht, wenn sie in meiner Nähe ist und dass ich einem nervösen Reh gleiche, wenn ich mit ihr zusammen bin oder auch nur mit ihr spreche.

Vor ziemlich genau drei Monaten betrat ein unbekanntes, fremdes Wesen meine Welt. Stellte und stellt sie jeden Tag auf den Kopf und bringt mich dazu, das Beste aus mir heraus zu holen. Die Erotik, die unserer ersten Begegnung innewohnte, findet jeden Tag neue Formen und ich erwache jeden Morgen voller Spannung und Erwartung.

Ich wurde nicht einmal enttäuscht!

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3 Gedanken zu „Die Erotik der ersten Begegnung – eine Kurzgeschichte.

    • Keine Fortsetzung im eigentlichen Sinne, aber es gibt eine weitere Geschichte mit den gleichen Protaginistinnen – „Mondnacht“.
      Du musst Dich allerdings noch ein wenig gedulden…

  1. Pingback: Mein lesbisches Auge 10 – DAS lesbische Jahrbuch der Erotik. | dividedGOLD

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