Wenn hinter dem Schein eine ganz andere Wahrheit verborgen liegt… – Claudia Breitsprecher bewegt, berührt, fesselt und verändert.

Wie muss sich Jacob fühlen, der in einer Dorfgemeinschaft aufwächst, die sich vor allem durch ihre Engstirnigkeit, Intoleranz, klare Rollenzuteilungen und einen begrenzten Horizont auszeichnet? Was geht in ihm vor, wenn ihm mit jedem Tag bewusster wird, dass er eben nicht so ist, wie die anderen ihn vermutlich gern haben würden? Weil er anstatt Mädchen eben Jungs toll findet. 

Jacob ist vor allem eines – einsam. Und er schafft es nicht, sich seiner Mutter oder einem anderen Menschen, anzuvertrauen. Seiner Seele und seinem Herzen Luft zu machen, um frei atmen zu können. Aber die Worte müssen gesprochen und er befreit werden. Also tut Jacob etwas, das heute für junge Menschen ganz normal ist: er nimmt ein Video auf. Für seine Eltern und ein bisschen auch für sich selbst. Er will ihnen mitteilen, was mit ihm los ist. Das Video ist nicht für heute oder morgen sondern für den Moment, in dem Jacob sich traut, sich seinen Eltern zu offenbaren.

Doch dazu kommt es nicht, denn Jacob wird von einigen Jungs der Dorffussballmannschaft in einen Hinterhalt gelockt, verprügelt und seines wertvollsten Besitzes beraubt – seinem Handy inklusive Video! Es ist nicht die Sorge um das Handy oder die Angst um den Verlust des Videos. Vielmehr überfällt Jacob die schlichte Panik, dass die Jungs das Videos finden und ihn outen, in dem sie das Video nicht nur seiner Familie sondern gleich dem ganzen Dorf und der virtuellen Welt zur Verfügung stellen. Eine Angst, die in der heutigen Zeit keine unbegründete ist.

Mit der Geschichte von Jacob beginnt „Hinter dem Schein die Wahrheit“ von Claudia Breitsprecher. Diese Geschichte jedoch ist letztlich nur der Vorfilm. Der Einstieg in eine Geschichte zweier Generationen, die sich mit dem Leben in einem kleinen Dorf arrangieren müssen.

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Neben Jacob geht es vor allem auch um seine Mutter Karin, hinter deren Putzzwang sich eine Frau versteckt hält, die bereits vor langer Zeit den Bezug zu ihrem wahren Selbst verloren hat. Annette und Holger, ihre Freunde aus Schultagen, spielen sowohl in ihrem als auch vor allem in Jacobs Leben eine wichtige Rolle. Während Holger im Dorf lebt und sich bis vor kurzem um seine alte Mutter gekümmert hat und noch nicht so recht weiss, was er vom Rest seines Lebens zu erwarten hat, ist Annette in die grosse weite Welt, also in die nächste Grosssatdt, gezogen und lebt dort ihre Version vom Leben. Gemeinsam mit Grit.

Während Jacob nach dem Angriff durch seine Schulkameraden für seine Familie verschwunden bleibt, macht diese sich auf die Suche nach ihm. Innerhalb dieser Zeit erlaubt Breitsprecher uns, in die Leben und Geschichten der Beteiligten einzutauchen und die Denk- und Handlungsweisen der einzelnen Protagonisten und des Dorfes zu erspüren.

In wenigen Tagen eröffnen sich uns ganze Lebensspannen und Claudia Breitsprecher nimmt uns von der ersten Seite an gefangen. Ihr Gespür für Worte und Formulierungen ist wieder einmal beeindruckend. Ihr Blick für Details und Hintergründe ist unbeirrbar und so schafft sie es, wie schon mit Auszeit und Vor dem Morgen liegt die Nacht zu berühren, zu fesseln und zu verändern, denn sie zwingt uns mit ihren Büchern und Geschichten, hinzuschauen. Den Blick nicht abzuwenden und mehr noch. Sie sorgt dafür, uns selbst zu hinterfragen, zu prüfen.

Ich persönlich war schon immer ein Fan von Claudia Breitsprecher. Einfach weil kaum eine Autorin sonst es vermag, die Wahrheit in solche klare und dabei solch schöne Worte und Formulierungen zu packen, wie sie es tut. Bei ihr vereinen sich Sprachbilder und Klarheit auf eine ganz wundervolle Art. Ihre Bücher miteinander vergleichen oder sie untereinander bewerten zu wollen, macht keinen Sinn. Ein jedes steht für sich, seine Aussage und seine Schönheit und genau das macht es auch und vor allem spannend.

Ich kann es kaum erwarten, den nächsten Roman von Claudia Breitsprecher in den Händen zu halten.

 

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Quelle: Verlag Krug & Schadenberg

Claudia Breitsprecher ist 1964 in Dülmen/NRW geboren und aufgewachsen in Berlin, wo sie auch heute mit ihrer Frau lebt. Studium der Soziologie, Psychologie und Politik an der Freien Universität Berlin. 1991 Abschluss als Diplom-Soziologin, anschließend berufliche Tätigkeiten im Bildungs- und Sozialbereich. Nach ersten Kurzprosa-Veröffentlichungen in Anthologien Ende der 90er Jahre schreibt sie heute sowohl literarische als auch Sachtexte. 2002 erfolgte ihr Sachbuchdebüt mit einem Band über Mutter-Tochter-Beziehungen: Das hab ich von dir, gefolgt von Bringen Sie doch Ihre Freundin mit! Gespräche mit lesbischen Lehrerinnen. 2005 erschien ihr erster Roman Vor dem  Morgen liegt die Nacht; der zweite schloss sich 2011 mit  Auszeit an. Für diesen wurde sie 2012 von der Autorinnen-Vereinigung e.V. als Autorin des Jahres ausgezeichnet. Im Frühjahr 2017 erschien Claudia Breitsprechers dritter Roman unter dem Titel Hinter dem Schein die Wahrheit. – Einen schönen Überblick über Claudia Breitsprechers Werdegang als Autorin und ihre bisherigen Werke bietet Ahmia Beerlage in dem Online-Magazin Aviva-Berlin. (Quelle: Verlag Krug & Schadenberg)

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