Wenn aus Bildern L(i)ebe(n) wird…

Seit ich das erste Mal von Dir gehört habe, habe ich mich nach Dir gesehnt.

Du hattest weder Form noch ein Gesicht. Ich wusste eigentlich nichts über Deine Beschaffenheit, Deinen Charakter, Dein Wesen.

Woher auch? In dem Mikrokosmos meines kleinen Universums, bestehend aus meinen Eltern und der älteren Schwester, wurdest Du weder erwähnt, noch kann ich mich daran erinnern, Dich dort je zu Gesicht bekommen zu haben. Es war, als würdest Du totgeschwiegen und mit Dir die Möglichkeit darauf, dass das Leben auch anders sein könnte. Einzig meine Mutter ließ eine kleine Vermutung, eine Annahme dessen entstehen, was für so viele Menschen den Grund zum Leben bildet.

Ich wusste nicht, wie Du aussiehst und erst recht nicht, wo Du zu finden bist.

Das Bild, das ich von Dir hatte, malte ich mit den Farben der Geschichten, die mir von Dir zu Ohren kamen auf das große, unberührte Blatt des Lebens, das so verlockend vor mir lag. Das Spektrum der Farben erstreckte sich von zarten Pastellkreiden der Sehnsucht über kräftige Acrylfarben der Lust und düsteren Kohlen des Schmerzes. Dazwischen gab es Aquarellfarben, Holzfarben, Filzstifte, Tusche und Ölfarbe – eine jede stand für die unbegrenzten Möglichkeiten, die Du in Dir trägst.

Mithilfe dieser Materialien wurden die schillerndsten und buntesten Bilder gemalt. Bestreut mit dem Glitzer der Glückseligkeit oder getränkt von der lähmenden Zähigkeit des Grenzwertigen, Schmerzhaften.

Über Dich wurden die schönsten, wildesten, abschreckendsten aber auch die verlockendsten Geschichten erzählt. Und jedes Wort fügte meinem Bild von Dir ein weiteres Fragment zu. Zufrieden stellte mich das aber nicht. Ich wollte nicht nur Bilder aus den Geschichten anderer von Dir malen. Ich wollte Dich sehen, spüren, kennen lernen.

Du wurdest in den höchsten Tönen besungen und genau so oft angeklagt in den traurigen Melodien des Lebens. Man hat Dir ganze Bücher gewidmet, Gedichte über Dich verfasst, Theaterstücke und Drehbücher geschrieben. Es gibt unzählige Filme, die Dich als Hauptthema wählten. In Deinem Namen wurden Kriege geführt und ein mancher hat sich angesichts Deiner scheinbaren Unerreichbarkeit sogar das Leben genommen.

Seit jeher musst Du als Entschuldigung und Erklärung für alles und jeden herhalten. Für die einen warst Du die Erfüllung alles Vorstellbaren und Wünschenswerten, für die anderen gab es Dich nur in Verbindung mit Leid und Schmerz. Auch wenn die Idee von Dir, einer Verheißung gleich, süß wie rosa Zuckerwatte schmeckte, so war sie im Abgang doch etwas bitter.

Dennoch stellte ich mir nichts schöner vor, als Dir endlich zu begegnen. Dir – der Liebe!

Dein Name. Ihn kannte ich. Lange bevor ich auch nur erahnen konnte, wie komplex und mächtig Du bist und sein kannst. Wie gewaltig und unberechenbar. Wie glückverheißend, wenn man in der Lage war, Dich weder mit Besitzansprüchen noch mit Erwartungen zu paaren. Wie schmerzhaft und grausam, wenn man es eben doch tat oder Dich missbrauchte. Im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Dich und den Krieg in ein und demselben Atemzug zu nennen, war mir seit jeher suspekt.

Nie hatte ich einen Zweifel daran, dass Du genau das bist, was ich mir vorgestellt und erträumt hatte.

Wenn die Last des Lebens meine Schultern niederdrückte, floh ich in meinen Gedanken und Träumen auf direktem Wege zu Dir. Du nahmst mich mit offenen Armen auf und hast mich in Sicherheit gewogen. Du flüstertest mir Worte der Zuversicht ins Ohr und gabst mir ein Versprechen. Du wolltest und würdest immer Teil von mir sein. Anders könne es gar nicht sein, da Du aus mir selbst entstehst und es Dich ohne mich nicht geben könnte. Genau so wenig wie es mich ohne Dich gibt.

Aber auch ich musste, wie jeder andere Mensch, etwas dafür tun. Dafür, dass Du wachsen, gedeihen und am Leben bleiben kannst. Dass Du Blüten trägst und fruchtbar bleibst und nicht aufgrund von mangelnder Pflege und Vertrauen vertrocknest und verkümmerst. Ich musste vertrauen! Vor allem auf mich. Und Dir. Ich musste mit mir in Verbindung bleiben und dem, was man gemeinhin als Seele bezeichnet. Den komplizierten Code meiner eigenen Empfindungen, Begehren und Träume entschlüsseln lernen.

Das dürfte doch kein Problem sein, dachte ich in meinem unbeschwerten und jugendlichen Leichtsinn. Ja, dachte ich. Ich konnte nicht ahnen, dass das, was man sich am sehnlichsten wünscht, manchmal der Grund für die größte Furcht in uns ist.

Ich war so unglaublich jung und naiv. Ich trug mein dickes Bilderbuch, mit all den Geschichten über Dich, stets an mein pochendes Herz gedrückt bei mir. Ich hörte die Musik, die Deinen Namen trug und schaute alle Deiner Filme. Auf die Realität Deines wirklichen Seins konnte mich all das jedoch nicht vorbereiten. Es gibt Dinge, die man selbst erleben und erfahren muss. Niemand kann Dir das abnehmen und so warst Du nicht das, was ich zu denken wusste, sondern komplett anders. Diese Erkenntnis traf mich hart und warf mich aus der Bahn.

In dem Augenblick, als Du Dich in meinem Gegenüber zu offenbaren versuchtest, bekam ich es mit der Angst zu tun und tat genau das, was für mich am Naheliegendsten war – ich flüchtete. Ich nahm die Beine in die Hand und suchte das Weite.

Die Sehnsucht, das Verlangen nach Dir und der unbändige Wunsch, mit Dir Hand in Hand durch die Welt und das Leben zu schreiten, waren ungebrochen. Aber die Angst. Die Angst vor dem Unbekannten, vor all dem, was Du sein kannst und sein willst. Die Angst… siegte – vorerst.

Doch die Melodie Deines Wesens begleitet fortan jeden Atemzug meines Lebens!

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